verKREUZungen – Philipp Geist

Philipp Geist und die Johanniterkirche

Crescendo einer Begegnung

Ziemlich unscheinbar fügt sich die Johanniterkirche in die Häuserzeilen der Feldkircher Marktgasse ein. Philipp Geist findet sofort Gefallen an dem Gebäude, das Graf Hugo von Montfort 1218 dem Johanniterorden schenkte, um sich von seiner Beteiligung an einem Kreuzzug freizukaufen. „Mich fasziniert vor allem der Kontrast zwischen den intakten Kirchenelementen und dem aufgerissenen Boden, der die Geschichte der Kirche sichtbar macht. Sie ist schön, aber nicht lieblich.“

Innen verspannt Philipp Geist das Gebäude mit Schnüren und projiziert darauf Metaphern für die Zeit und historische Eckdaten. Nebel und die sphärischen Klänge des italienischen Komponisten Fabrizio Nocci begleiten die dezenten, eher kühlen Lichtstimmungen. Die begehbare Raumskulptur macht die Geschichte des Ortes lebendig. „Das Entwickeln einer solchen Installation ist eine Spannung, wie ein Gespräch, ein Dialog mit dem Ort. Schon vor Monaten habe ich mich mit der Johanniterkirche vertraut gemacht. Neben dem Raum geht es darum, das Umfeld und auch die Vergangenheit zu erfassen.“

1610 verkaufte der Johanniterorden die Kirche an die Benediktiner des Klosters Weingarten und anschließend an die Benediktiner in Ottobeuren. Im Zuge der Säkularisierung 1802/03 wurde die Kirche ausgeplündert, verwüstet und als Salzmagazin verwendet. Von 1809 bis 1969 diente das Gebäude den Jesuiten als Gymnasialkirche. Von 1982 bis 1989 fanden archäologische Grabungen des Bundesdenkmalamtes statt. Seit 1995 werden Ausstellungen zeitgenössischer Kunst gezeigt.

Während die Installation im Inneren einer programmierten Komposition folgt und eher leise Töne anschlägt, lässt der Künstler an der Fassade keinen Stein auf dem anderen. Nur der Ritter „Bläsi“ auf dem Dach darf wie seit über 500 Jahren ungehindert mit dem Hammer auf die Glocke im Türmchen schlagen und so die aktuelle Zeit anzeigen, während Philipp Geist den Besuchern seiner Live-Performance „Lighting up Times“ die Augen öffnet.

Ungeniert löst der Künstler Raum und Zeit auf und lehrt uns das Sehen. Eine Jalousie aus Licht und Schatten öffnet den Vorhang für die Reise in die Vergangenheit. Jahreszahlen rasen über die in grünes Licht getauchte Wand. Ein Wetterleuchten bringt die Fenster fast zum Bersten. Helles Gelb und Orange beruhigen nur kurz, denn schon beginnt  das Gebäude zu wanken und droht auf die Zuschauer zu fallen. Oder gerät man etwa gerade selbst ins Taumeln? „Bläsi“ lässt sich nicht irritieren und markiert mit einem sicheren Schlag die Viertelstunde. Und doch fällt die Uhr aus der Verankerung, vervielfacht sich und kreist in irrem Tempo über die Fassade. Die Musik wird lauter und kräftiger. Das Fresko mit Johannes dem Täufer pulsiert, reißt aus, wie im Begriff zu flüchten, um im nächsten Moment wieder an seinen Platz zurückzukehren.

Philipp Geist zerlegt die Kirche regelrecht, um sie sogleich wieder aufzubauen. Das lenkt den Blick auf bisher nie gesehene Details. Nur für einen Augenblick kehrt der Künstler ein Bild aus dem Inneren der Kirche nach außen, bevor er auf der Fassade dicke rot-weiße Strahlen aufträgt. „Ich sehe mich tatsächlich als Maler, das ist wesentlich für mich. Ich male nicht nur mit dem Pinsel an meinen Gemälden, sondern auch mit der Fotokamera oder bei den Installationen mit Licht und Wörtern.“

„Gelebte Zeit“, „Kreuz“, „Kloster Ottobeuren“, „Contemporary“. Dicke Lettern wandern über die Fassade. Viel Zeit bleibt nicht zum Nachdenken über die wechselvolle Geschichte. Schon rinnen Tropfen der Vergänglichkeit am Gebäude entlang. Regisseur Philipp Geist ruft vorprogrammierte Bildbausteine ab und verbindet sie immer wieder zu einer neuen Dramaturgie. Er verstärkt oder reduziert situativ. „Ein Wagnis, die Kirche live zu bespielen, denn es muss immer weitergehen.“

Der Künstler wird mit der Johanniterkirche immer vertrauter. Sein Mut geht auf.  Bei der vierten und letzten Performance erreicht die Begegnung ihren Höhepunkt. Philipp Geist malt das Gebäude knallrot an und lässt es abheben. Es hüpft wie ein fröhlicher Gummiball. Das gibt Hoffnung – für eine gute Zukunft.

 

Kurz-Biografie

Philipp Geist, geb. 1976 in Witten (Ruhr), lebt in Berlin. Seine Medien sind Video-Installation, Performance, Fotografie und Malerei. Seine Lichtinstallationen waren beispielsweise auf dem Königspalast in Bangkok zum 82. Geburtstag des thailändischen Königs Bhumibol, in Rom am zeitgenössischen Kunstmuseum Palazzo delle Esposizioni oder 12 Tage lang beim Festival of Lights am Potsdamer Platz in Berlin zu sehen.

LIGHTING UP TIMES
Live Fassaden – Lichtinstallation

Freitag 8. und Samstag 9. März 2013
20 und 22 Uhr

Parallel zur Installation in der Johanniterkirche sind im Schaulager der Galerie Feurstein in Feldkirch Bilder und Fotos von Philipp Geist zu sehen.

 

verKREUZungen – Die Ausstellung im Detail

Eröffnung: Freitag, 8. März, 20 Uhr
Dauer: 9. März bis 4. Mai 2013

Rückfragen: Kurator Arno Egger