KASURI – Eine Installation von Jun Tomita

Eröffnung: Freitag, 14. September, 20.00 Uhr
Vernissagerede: Nanna Aspholm-Flik, Textildesignerin Stuttgart

Poetische Farbanmutungen und das meisterhafte Inszenieren des Materials kennzeichnen die Webkunst von Jun Tomita. Er gehört nicht nur zu den angesehensten Textilkünstlern Japans, sondern ist auch in den wichtigsten Textilsammlungen der Welt vertreten. Seine minimalistischen Webarbeiten wurden unter anderem im Museum of Modern Art in New York gezeigt.

 

An weißer Mauer
Flog die Libelle vorbei
Im Sommerglaste.Shôha

Spuren der Zeit

In der für ihre Schönheit bekannten Region Saga, tausende Kilometer von Feldkirch entfernt, arbeitete Jun Tomita monatelang in der Farbküche und am Webstuhl an seinen Teppichen für die Johanniterkirche. Hier hängen sie nun, ja schweben viel mehr, als wären sie immer schon da gewesen. Dem Ausstellungsort in Österreich und dem Atelier des Textilkünstlers in Japan ist eines gemeinsam: Die Stille einer Atmosphäre jenseits der Hektik unserer Zeit.

Jun Tomita lebt gemeinsam mit seiner Partnerin, der Kunsthandwerkerin Mayo Horinouchi, in einem 100-Seelen-Dorf nordwestlich der Millionenstadt Kyoto. Im Sommer verirren sich Schmetterlinge in das Atelier der beiden Weber in einem ehemaligen Gewächshaus. Im Winter spürt man die Kälte in den Knochen, nur einige Stunden effektives Arbeiten ist möglich.

Ein Jahr vor seiner Ausstellung besuchte Jun Tomita erstmals die Johanniterkirche. Aus der asiatischen Kulturregion stammend, trat er in eine historische europäische Kirche ein und spürte einen Raum, der eine ihm fremde Kultur und Weltanschauung zum Ausdruck brachte.

Die Spuren der 800-jährigen Geschichte waren für ihn Faszination und Inspiration zugleich: „Kirchen oder Tempel regen mich auf sehr unterschiedliche Weise an. Ich bin immer interessiert an den Wänden von Gebäuden. Ich kann stundenlang vor einer Mauer sitzen oder stehen und sie betrachten. Die Wände der Johanniterkirche beinhalten für mich sehr viele Dinge und sie sagen mir sehr viel. Ich spüre die Menschen der Vergangenheit und wie die Zeit buchstäblich durch die Wände ging. Das hat sehr viel Tiefe.“

Berührt und angespornt vom Zauber dieser Spuren machte sich Jun Tomita an die Arbeit. Für die Teppiche in der Johanniterkirche verwendete er ausschließlich Naturmaterialien, Leinen für die Kette und Ramie und Seide für die Schussfäden. Seine minimalistisch anmutende Webkunst basiert auf der traditionellen, in Okinawa im Süden Japans praktizierten Kasuri-Technik. Dabei wird das Garn vor dem Weben an bestimmten Stellen abgebunden, sodass beim Färben der Farbstoff nicht eindringen kann. Beim Weben müssen die Fäden dann exakt in der richtigen Reihenfolge verarbeitet werden.

Jun Tomita formuliert seinen künstlerischen Entwurf lange bevor das Kettgarn in seinem selbstgebauten Webstuhl aufgebäumt ist. Eine Idee wird mit Farbstiften als Skizze festgehalten, dann kommt das komplizierte Färben der Fäden. „Ich verwende unzählige Farben. Mit dem Färben verbringe ich viel mehr Zeit als mit dem Weben. Das ist der einfachere Teil.“

Den poetischen Meisterwerken sieht man diese monatelange Anstrengung nicht an. Zuerst fallen die roten Kreationen ins Auge. Das von weitem flächig wirkende Schwarz der Teppiche im Altarraum funkelt von der Nähe betrachtet in unzähligen Farben.

Jun Tomita nimmt sich selbst als Handwerker wahr. Immer wollte er etwas mit den Händen machen. Dass er in Kontakt mit einem Webstuhl kam, war eher Zufall. „Genauso gut hätte ich Koch, Gärtner oder Tischler werden können“, sagt er. Die von ihm entwickelte Ästhetik und seine eigenständige Technik machen ihn jedoch nicht nur in den Augen seiner Landsleute zum Künstler.

Das Gespür und die Hochachtung für das Textile sind auch in Vorarlberg besonders gut verankert. Für seine Installation in der vom textilen Erbe geprägten Region hat Jun Tomita nur einen Wunsch: „Ich möchte, dass die Leute Zeit verbringen vor meinen Werken. Nur ein paar intensive Minuten des konzentrierten Schauens, um sich selbst zu sehen.“

Karin Guldenschuh und Nanna Aspholm-Flik